18. Türchen: Die Legende von Fürst Schamyl

Im Nördlichen Kaukasus herrschte einst ein Fürst mit dem Namen Schamyl über mehrere Bergvölker. Zu dieser Zeit gab es eine schreckliche Hungersnot. Schamyl tat sein Bestes, um das Überleben seiner Untertanen zu sichern.

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Er ließ zentrale Lebensmittelvorräte anlegen und ordnete an, dass sich jeder registrieren ließ, um versorgt zu werden. So konnte sich jeder darauf verlassen, täglich versorgt zu werden – niemand bekam zu wenig und niemand zu viel. Es war nicht üppig, aber es reichte zum Überleben.

Um sicher zu stellen, dass sich jeder an die Regeln halten würde, drohte er drakonische Strafen an, falls jemand die Versorgung der Bevölkerung behindern wollte. Unter anderem ordnete er an, dass jeder, der etwas von den Vorräten stellen würde, öffentlich mit hundert Peitschenhieben bestraft werden sollte.

Es dauerte nur wenige Tage, bis nach der öffentlichen Verkündigung der Regeln auch schon jemand von den Vorräten gestohlen hatte. Schnell wussten alle umliegenden Dörfer von dem Diebstahl, denn Lebensmittel waren das Wichtigste für alle.

Der Fürst kochte vor Wut und befahl seinen Soldaten „Es ist keine drei Tage her, dass ich das Gesetz erlassen habe! Was denkt dieser Dieb eigentlich, wer er ist? Will er etwa, dass wir verhungern, damit er sich vollfressen kann? Sucht den Dieb und bringt ihn zu mir – er muss bestraft werden!“

Die Soldaten zogen sofort los, teilten sich in mehrere Gruppen auf und marschierten von einem Haus zum andern. Überall stellten Sie ihre Nachsuchungen an, suchten nach den gestohlenen Vorräten und befragten die Menschen, ob nicht jemand etwas gesehen hatte.

Nur wenige Tage später wurde der Dieb gefasst und gefesselt. Eine der Soldaten kehrte zurück zu zum Fürsten, verbeugte sich und sagte: „Fürst Schamyl, wir haben den Dieb gefunden!“ „Dann bringt ihn zu mir, ich will ihn sehen, bevor er bestraft wird.“ „Es gibt ein Problem…“ stammelte der Soldat… „Ich glaub nicht, dass Sie den Dieb sehen wollen…“ „Bist du unfähig, zu hören, was ich gesagt habe?“ brüllte ihn der Fürst an „Ich will den Dieb sehen – und zwar sofort!“ Der Soldat zögerte und rückte schließlich mit der Sprache raus: „Mein Fürst, es ist Ihre eigene Mutter.“

Schamyl wurde bleich im Gesicht und setzte sich völlig geschockt auf seinen Thron. Nun stand er vor einem gewaltigen Problem. Es schien ihm wie ein unlösbares Dilemma.

Auf der einen Seite musste er für Recht und Ordnung sorgen. Er musste die Einhaltung der Regeln garantieren, um das Überleben seiner Untertanen zu sichern.

Auf der anderen Seite liebte er seine Mutter von Herzen. Er wollte sie beschützen und dafür sorgen, dass ihr niemand schadet. Sie war schon alt und gebrechlich – hundert Peitschenhiebe wären das Todesurteil für sie. Er müsste seine eigene Mutter öffentlich zu Tode foltern lassen, um dem Gesetz Genüge zu tun.

Mehrere Tage überlegt Schamyl, was er nur tun könnte. Er hätte alles getan, um sie zu schützen. Doch zu schnell hatte sich das Gerücht von den gestohlenen Vorräten verbreitet, als dass er es hätte vertuschen können. Das Volk wartete auf die öffentliche Bestrafung.

Was, wenn er einfach eine Ausnahme machen würde? Er könnte doch dem Volk schlichtweg sagen, dass es seine eigene Mutter war – jeder würde doch verstehen, dass er sie nicht bestrafen konnte. Aber wenn er mit einer Ausnahme anfangen würde – was sollte daraus werden? Würden seine Brüder dann auch von den Vorräten stehlen, in der Hoffnung verschont zu bleiben? Und seine Söhne und Töchter – seine ganz Verwandtschaft? Oder sogar seine engsten Berater? Seine Freunde? Er würde einen Präzedenzfall schaffen und womöglich riskieren, dass sein Volk in Anarchie und Chaos versinkt. Dazu würde er seine eigene Glaubwürdigkeit verspielen und seine Macht verlieren. Vielleicht würde es sogar zu Mord und Totschlag führen. Wenn man eine Regel brechen konnte, konnte man es schließlich auch mit den anderen versuchen. Nein, die Strafe auszusetzen war keine Option.

Und das Urteil zu vollstrecken und damit seine eigene Mutter qualvoll ermorden? Das würde er sich niemals verzeihen können. Unmöglich, völlig undenkbar.

Egal was er tun würde, es würde falsch sein. Und in beiden Fällen würde er wissentlich den Tod von Menschen in Kauf nehmen. Um der Gerechtigkeit genüge zu tun, müsste seine Mutter sterben. Um aus Liebe seiner Mutter zu vergeben, würde er den Tod von vielen riskieren.

Nach mehreren Tagen allein in seinem Zelt, trat er schließlich zu seinen Soldaten und verkündete: „Das Urteil muss vollstreckt werden!“

Die Soldaten trommelten die Bürger des Dorfes zusammen zum zentralen Versammlungsplatz und verkündeten überall, dass der Dieb nun öffentlich bestraft werden würde. Es herrschte Totenstille, als die Bürger sahen, dass ein Soldat die Mutter des Fürsten gefesselt zu einem Pflock in der Mitte des Platzes führte, sie auf den Boden drückte und ihre Hände am Pflock festband. Alle Augen waren auf den Soldaten und die Mutter gerichtet. Auch Schamyl selbst saß ganz vorne am Versammlungsplatz.

Der Soldat hob seine Peitsche hoch und holte aus zum ersten Schlag. Doch dann rief Schamyl: „Stop! Wartet!“ Alle waren verwirrt, die Zuschauer fingen an zu tuscheln, was nun passieren würde. Würde er die Strafe etwa doch aussetzen? Was hatte er nur vor?

Schamyl stand auf, Riss seinen Mantel von sich und trat in die Mitte des Versammlungsplatzes genau zwischen den Soldaten und seine Mutter. Er drehte dem Soldaten den Rücken zu und beugte sich schützend über seine Mutter. Dann befahl er: „Jetzt wird das Urteil vollstreckt!“

Der Soldat war perplex und stand regungslos da. So etwas hatte er noch nie gesehen. „Los fang an! Auf meinem Rücken! Und keinen Schlag zu wenig!“ rief der Fürst ein zweites Mal mit lauter Stimme. So hob der Soldat erneut seine Peitsche und der erst Schlag sauste auf den Rücken des Fürsten nieder, und schnitt die ersten blutigen Striemen in den Rücken des Fürsten. So sauste ein Schlag nach dem anderen auf den Rücken des Fürsten nieder, bis der hundertste Schlag ausgeführt war. Der Rücken das Fürsten war blutüberströmt und völlig durchfurcht von der Strafe.

Doch genau dadurch hatte Schamyl die Lösung für sein Dilemma gefunden: Auf der einen Seite konnte er aus Liebe handeln und seiner Mutter vergeben und sie vor der Strafe bewahren. Auf der anderen Seite war es auch jedem Zuschauer klar, dass mit Schamyl nicht zu spaßen ist. Seine Gesetze galt es wirklich ernst zu nehmen. Der Gerechtigkeit wurde genüge getan. Seine Mutter würde nach diesem Erlebnis sicher auch nie wieder etwas von den Vorräten stehlen – und wahrscheinlich auch keiner der Zuschauer. Das Überleben und die Sicherheit des Volkes waren damit sichergestellt.

So hatte Schamyl es geschafft, zwei Dinge zusammenzubringen, die zuvor wie Gegensätze erschienen: Gerechtigkeit und Liebe.[1]


Was hat so eine blutrünstige Geschichte mit Weihnachten zu tun? An Weihnachten feiern Christen, dass Gott in Jesus Christus Mensch wurde. Er wurde als kleines menschliches Baby geboren, wurde erwachsen, heilte kranke Menschen und erzählte Menschen von der Liebe Gottes.

Doch die große Mission in seinem Leben war es schlussendlich, Liebe und Gerechtigkeit zusammenzubringen.

Diese Geschichte habe ich schon vielen Menschen erzählt und ihnen immer wieder eine Frage gestellt: „Kannst du dir vorstellen, dass jemand vor Gott für dich den Rücken hingehalten hat?“ Viele Fragen dann vorsichtig zurück „Könnte das dieser Jesus sein, von dem du redest?“ „Ja genau, Jesus hat für dich den Rücken hingehalten!“ antworte ich dann.

Jesus hat am Kreuz das gleiche getan, was Schamyl für seine Mutter getan hat – er wurde stellvertretend für unsere Schuld bestraft. Am Kreuz von Golgatha hat Jesus deinen und meinen Platz eingenommen und unsere Schuld auf sich selbst genommen.

Jeder von uns hat im Lauf seines Lebens Schuld auf sich geladen. Wir alle haben schon einmal andere verletzt – wenn auch nur mit Worten, wir haben gelogen, viele schon einmal gestohlen, haben über andere gelästert und Anderen geschadet. Wir haben uns, wie die Mutter in der Geschichte, nicht an denn die geltenden Maßstäbe gehalten. Doch die Maßstäbe und Regeln, die wir mit Füßen getreten haben, sind nicht die eines Fürsten oder irgendeiner menschlichen Regierung, sondern die Maßstäbe Gottes.

Gott selbst war in demselben Dilemma, wie der Fürst in der Geschichte: Auf der einen Seite wollte er vergeben, auf der anderen Seite musste er der Gerechtigkeit Genüge tun und die Einhaltung der Gesetze gewährleisten, die zum Schutz seiner Bevölkerung erlassen wurden.

Gott möchte dir von Herzen vergeben. Aber Gott ist auch gerecht, er wird deine Schuld nicht einfach unter den Teppich kehren. Deshalb hat Jesus deine und meine Schuld am Kreuz getragen. Am Kreuz von Golgatha hat Gott Liebe und Gerechtigkeit zusammengebracht.


Wenn du dir auch bewusst bist, dass du vor Gott schuldig geworden bist und Vergebung brauchst, dann lade ich dich ein, mit mir ein Gebet zu sprechen: „Jesus, danke dass du als Mensch auf die Erde gekommen bist. Danke, dass du am Kreuz die Schuld der gesamten Menschheit getragen hast. Bitte vergib du auch meine Schuld! Danke, dass du gerecht bist und danke, dass du mich liebst. Bitt hilf mir auch, mich in Zukunft an deinen Maßstäben zu orientieren. Schenk du mir dafür die Kraft.“


Hast du Interesse daran, jetzt in der Vorweihnachtszeit einmal eine christliche Veranstaltung oder einen Gottesdienst zu besuchen? Gerne kannst Du beim „Anschlussfinder“ vorbeischauen – dort kannst du Anschluss finden zu Christen in deiner Nähe:


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[1] Inspiriert durch: Wuppertaler-Studienbibel, Römerbrief, Röm. 3,25, S. 101

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