Übertreiben Evangelisten?



„Da strömt schon wieder einer!!!” so klingt der euphorische Ausruf eines Evangelisten, der beobachtet, wie ein weiterer Zuhörer den Gottesdienstraum betritt. Übertreiben Evangelisten?

Strömen kann nur eine Menschenmasse, keine einzelne Person. Und ob davor schon eine Person dazukam, ist auch ungewiss. Wie kommt es, dass die Erzählungen von Evangelisten oft so beeindruckend wirken? Woher kommen die „evangelastischen“ Zahlen über Besucher bei Veranstaltungen?

Billy Graham antwortete denen, die ihn als religiösen Verkäufer sahen: „Ich verkaufe das beste Produkt der Welt. Warum sollte dafür nicht so gut geworben werden wie für Seife?“1 Es geht tatsächlich darum, zu werben, Menschen für die gute Nachricht zu gewinnen. In der evangelistischen Verkündigung steht das Positive im Vordergrund, das Schöne und Begeisternde. Ebenfalls sind solche Predigten von Einfachheit geprägt, da werden aus zwei Grautönen auch gerne Schwarz-Weiß-Kontraste. (Artikel zur verständlichen Sprache: Sprichst du Christianesisch?)

Ist das falsch? Wird die Wahrheit hier verdreht? Hier ist es gut, ein Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun zu Hilfe zu nehmen: das Wertequadrat2. Wir sind hier in der Spannung zwischen Wahrhaftigkeit und Wirkungsbewusstsein. Beides sind „Schwestertugenden“. Beides ist erwünscht: Wir wollen wahrheitsgemäß predigen und wir wollen eine Wirkung erzielen.

Wertequadrat nach Friedemann Schulz von Thun

Wertequadrat nach Friedemann Schulz von Thun


Doch beide Tugenden haben ihre entwertenden Übertreibungen:

a) Wahrhaftigkeit wird schnell zur Erbsenzählerei, wenn kein Detail falsch verstanden werden darf, wenn alles ganz genau biblisch und unmissverständlich formuliert sein muss. Bibelschullehrer, Theologen, Skeptiker und der nüchterne Deutsche neigen dazu.

b) Wirkungsbewusstsein kann zur Effekthascherei führen: Dann steht nur noch die Wirkung im Mittelpunkt; Fakten werden sehr subjektiv interpretiert; Bibeltexte ganz eindeutig ausgelegt, wo es keine Eindeutigkeit gibt. Details werden ergänzt, von denen keiner so recht weiß, ob sie stimmen oder nicht. Evangelisten neigen dazu.

Was wirft also der Lehrer dem Evangelisten vor? Effekthascherei! Und was wirft der Evangelist dem nüchternen Zuhörer vor? Erbsenzählerei! Es sind unterschiedliche Persönlichkeiten und unterschiedliche Dienstgaben. Beide sehen im Gegenüber manchmal den negativen Gegenwert, anstatt der Tugend, die sie vertreten.

Zwei abschließende Gedanken

1. Evangelisten erleben tatsächlich viel – das liegt in der Natur dieses Dienstes. Auch die meisten Zeichen und Wunder treten dort auf, wo Gott Menschen gewinnen möchte, die ihn noch gar nicht kennen.

2. Evangelisten stehen in der realen Gefahr, zu übertreiben. Sie müssen sich dessen bewusst sein und sich immer wieder selbst prüfen, ob sie die Wahrhaftigkeit für zu viel Wirkungsbewusstsein opfern. Letzen Endes ist es der Heilige Geist, der die Wirkung erzielt, nicht die gekonnte Rhetorik.

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